30 Dezember, 2008

Das Spiel der Lüste. Sexualität, Identität und Macht bei Michel Foucault. Rezensiert.

Rezensiert von Zara Pfeiffer

Das Spiel der Lüste. Sexualität, Identität und Macht bei Michel Foucault„Je offener das Spiel ist, desto verlockender und faszinierender ist es.“ (Michel Foucault)

Die Frage nach der Identität und Sexualität Michel Foucaults ist ebenso faszinierend wie voyeuristisch. Spiegelt sich das theoretische Spiel der Kräfteverhältnisse seiner Machtanalyse in den konkreten Machtspielen der SM Clubs von San Francisco? Zweifellos ist die Theorie Foucaults nicht von der der Person und dem Leben Michel Foucaults zu trennen, eine einseitige Konzentration auf das Leben unter Vernachlässigung der Theorie würde ihren anfänglichen Reiz jedoch sicher schnell verlieren.
Der Sammelband Das Spiel der Lüste. Sexualität, Identität und Macht bei Michel Foucault herausgegeben von Marvin Chlada und Marc-Christian Jäger widersteht der kurzfristigen Verlockung und stellt die Theorie Michel Foucaults ins Zentrum des Interesses ohne sein Leben auszublenden.

Eröffnet wird „Das Spiel der Lüste“ von Marc-Christian Jäger mit einer umfassenden und nicht nur für Foucault-Neulinge empfehlenswerten Einführung in Michel Foucaults Machtbegriff. Das Fußnoten-Feuerwerk des Textes – 539 auf 45 Seiten – des Textes irritiert beim Lesen bisweilen, enthält aber für interessierte Leser_innen spannende Verweise und Quellenangaben.
Der darauf folgende Abriss Die Sorge um sich selbst von Anette Schlemm zur Frage der Lebenskunst vor dem Hintergrund der Selbstsorge und der foucaultschen Subjektkonstitution ist dagegen leider etwas dünn geraten, was möglicherweise der Kürze des Textes von knapp 4 Seiten geschuldet ist. In dem nicht ganz leicht zu lesenden Beitrag Lüste des Körpers oder Begehren ohne Organe? beschäftigt sich Marvin Chlada mit Foucaults Kritik des Wunschbegriffs wie er unter anderem von Gilles Deleuze und Félix Guattari formuliert wurde: So wie Foucault die Befreiung von der Macht nicht als das Gegenteil, sondern als integralen Bestandteil der Macht begreife, so geht es ihm nicht darum Wunsch und Begehren zu befreien, sondern darum mit Körpern und die Lüsten zu experimentieren und andere Körper und Lüste zu genießen. Jürgen Mümken fragt in Wer bin ich? – Was bin ich? ausgehend von den Begriffen sexuelle Identität, sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität nach der Bedeutung von Identität und Geschlecht in den Werken von Max Stirner und Michel Foucault und stellt diese einander gegenüber. In Ordnungen des Sexuellen zeichnet Marc-Christian Jäger vor dem Hintergrund von Foucaults Rezeption von de Sade und Georges Bataille Foucaults Unterscheidung von sadistischer Disziplinarmacht und SM-Subkultur nach. Das Spiel der Lüste endet mit dem Text Vom Begehrens-Subjekt zum unternehmerischen Selbst von Andrea D. Bührmann, in dem diese den Weg vom Begehrens-Subjekt hin zu einem neoliberalen unternehmerischen Selbst nachzeichnet. Bührmann betont, dass der von Foucaults Gouvernementalitätsvorlesungen inspirierte Blick der Governmentality-Studies eine ent-naturalisierende und ent-ontologisierende Perspektive auf gegenwärtige Individualisierungsprozesse und Subjektivierungsweisen ermöglicht.

Die von Foucault aufgeworfene Frage nach dem Verhältnis von Sexualität, Identität und Macht wird in Das Spiel der Lüste aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Dass die darin enthaltenen Aufsätze hinsichtlich Länge, Lesbarkeit, Tiefe und Anspruch sehr heterogen sind, ist sowohl Stärke und Schwäche des Bandes, der sich vor allem gut für einen ersten Einstieg in das Denken Michel Foucaults eignet. Anzumerken bleibt außerdem, dass die eigene Lesepraxis durch den wenig strapazierfähigen Umschlag etwas zu deutlich dokumentiert wird.

Marvin Chlada/Marc-Christian Jäger: Das Spiel der Lüste. Sexualität, Identität und Macht bei Michel Foucault, Alibri Verlag, Aschaffenburg, 2008. 156 Seiten, 16,- Euro. ISBN 3-86569-031-9

21 Dezember, 2008

Heterotopien – mit den Schiffen träumen

„In der Kolonie haben wir eine Heterotopie, die gleichsam naiv genug ist, eine Illusion verwirklichen zu wollen. Im Freudenhaus haben wir dagegen eine Heterotopie, die subtil und geschickt genug ist, die Wirklichkeit allein durch die Kraft der Illusion zerstreuen zu wollen. Und bedenkt man, dass Schiffe, die großen Schiffe des 19. Jahrhunderts, ein Stück schwimmender Raum sind, Orte ohne Ort, ganz auf sich selbst angewiesen, in sich geschlossen und zugleich dem endlosen Meer ausgeliefert, die von Hafen zu Hafen, von Wache zu Wache, von Freudenhaus zu Freudenhaus bis in die Kolonien fahren, um das Kostbarste zu holen, was die eben beschriebenen Gärten zu bieten haben, dann wird deutlich, warum das Schiff für unsere Zivilisation zumindest seit dem 16. Jahrhundert nicht nur das wichtigste Instrument zur wirtschaftlichen Entwicklung gewesen ist, sondern auch das größte Reservoir für die Fantasie. Das Schiff ist die Heterotopie par excellence. Zivilisationen, die keine Schiffe besitzen, sind wie Kinder, deren Eltern kein Ehebett haben, auf dem sie spielen können. Dann versiegen ihre Träume. An die Stelle des Abenteuers tritt dort die Bespitzelung und an die Stelle der glanzvollen Freubeuter die häßliche Polizei."
[Michel Foucault: Die Heterotopien]

13 Dezember, 2008

Michel Foucault: Macht und Freiheit

Wenn der Widerstand auch Teil der Macht ist und diese möglicherweise stärkt, ohne dass wir das überhaupt bemerken, wie ist dann überhaupt noch politisch widerständiges Handeln möglich? An dieser Frage hing die Diskussion beim ersten Lesen von „Der Wille zum Wissen“ mit dem Gefühl jeder Schritt würde uns zwangsläufig noch tiefer in die Machtnetze verstricken.
Naja, das erst Lesen und die verzweifelte Erkenntnis liegen jetzt auch schon einige Jahre zurück. Die theoretische Ratlosigkeit und Handlungsunfähigkeit, war sicher nicht ganz unwichtig für das Hinterfragen der eigenen Handlungen.

„Man sollte außerdem beachten, dass es Machtbeziehungen nur in dem Maße geben kann, in dem die Subjekte frei sind. Wenn einer von beiden vollständig der Verfügung des anderen unterstünde und zu dessen Sache geworden wäre, ein Gegenstand, über den dieser schrankenlose und unbegrenzte Gewalt ausüben könnte, dann gäbe es keine Machtbeziehungen. Damit eine Machtbeziehung bestehen kann, bedarf es also auf beiden Seite einer bestimmten Form von Freiheit. Selbst wenn die Machtbeziehung völlig aus dem Gleichgewicht geraten ist, wenn man wirklich sagen kann, dass der eine alle Macht über den anderen besitzt, so lässt sich die Macht über den anderen nur in dem Maße ausüben, in dem diesem noch die Möglichkeit bleibt, sich zu töten, aus dem Fenster zu springen oder den anderen zu töten. Das heißt, dass es in Machtbeziehungen notwendigerweise Möglichkeiten des Widerstands gibt, denn wenn es keine Möglichkeit des Widerstands - gewaltsamer Widerstand, Flucht, List, Strategien, die die Situation umkehren - gäbe, dann gäbe es überhaupt keine Machtbeziehungen. Vor diesem allgemeinen Hintergrund weigere ich mich, die Frage zu beantworten, die man mir manchmal stellt: „Aber wenn die Macht überall ist, dann gibt es keinen Widerstand.“ Ich antworte: Wenn es Machtbeziehugen gibt, die das gesamte soziale Feld durchziehen, dann deshalb, weil es überall Freiheit gibt. Jetzt gibt es in der Tat Herrschaftszustände. In sehr vielen Fällen sind die Machtbeziehungen derart verfestigt, dass sie auf Dauer asymmetrisch sind und der Spielraum der Freiheit äußerst beschränkt ist. [...] In einer solchen Situation der Herrschaft muss man auf all diese Fragen je nach dem Typus und der genauen Form der Herrchaft jeweils auf spezifisch Weise antworten. Die Behauptung jedoch: „Sehen Sie, die Macht ist überall, folglich gibt es keinen Platz für die Freiheit“, scheint mir absolut unangemessen. Mann kann mir nicht die Vorstellung zuschreiben, dass Macht ein Herrschaftssysem darstellt, das alles kontrolliert und keinerlei Raum für Freiheit lässt.“
[Michel Foucault: Die Ethik der Sorge um sich als Praxis der Freiheit, Dits et Ecrits IV]

07 Dezember, 2008

Debatte Foucault vs Chomsky

Macht und Gerechtigkeit. Ein Streitgespräch zwischen Michel Foucault und Noam ChomskyDie Debatte zwischen Michel Foucault und Noam Chomsky aus dem Jahr 1971, die von Fons Elders moderiert und im niederländischen Fernsehen unter dem Titel „Über die Natur des Menschen: Gerechtigkeit versus Macht“ ausgestraht wurde, ist jetzt von orange press unter dem Titel „Macht und Gerechtigkeit. Ein Streitgespräch zwischen Michel Foucault und Noam Chomsky“ veröffentlicht worden.

Die Behauptung „orange-press legt dieses eindrucksvolle Dokument neuerer Philosophiegeschichte nun zum ersten Mal auf Michel Foucault: Dits et Ecrits II
Deutsch vor“ stimmt allerdings nicht ganz (umso enttäuschender, wenn diese einfach abgeschrieben wird, wie von Adi Quarti in der ak). Da hat man sich wohl die Mühe gespart, die „Dits et Ecrits“ von Foucault durchzublättern, die auf deutsch im Suhrkamp Verlag erschienen sind. Im zweiten Band unter der Nummer 132 kann das Gespräch der beiden ebenfalls nachgelesen werden (und das schon seit 2002!). Naja. Einfacher als die „Dits et Ecrits“ zu stemmen (und auch billiger) ist die Ausgabe von orange press aber allemal und lesen - egal wo - lohnt sich. Versprochen.

Und wer das ganze nicht nur lesen, sondern auch mal sehen will, kann das hier.