14 Januar, 2011
dieses seltsame Verhältnis zwischen dem wissen ... und der wirklichen Geschichte
02 September, 2009
Michel Foucault erklärt seine Archäologie
Kenntnisse, philosophische Ideen und Alltagsansichten einer Gesellschaft, aber auch ihre Institutionen, die Geschäfts- und Polizeipraktiken oder die Sitten und Gebräuche verweisen auf ein implizites Wissen, das dieser Gesellschaft eigen ist. Dieses Wissen unterscheidet sich tiefgreifend von dem Wissen, das man in wissenschaftlichen Büchern, philosophischen Theorien und religiösen Rechtfertigungen finden kann, aber erst dieses Wissen macht es möglich, dass zu einer bestimmten Zeit eine Theorie, eine Meinung oder eine Praxis aufkommt. So musste erst ein bestimmtes Wissen über Wahnsinn und Nichtwahnsinn, über Ordnung und Unordnung vorhanden sein, damit Ende des 18. Jahrhunderts überall in Europa die großen Einschließungszentren entstehen konnten, und genau dieses Wissen wollte ich untersuchen, als Bedingung der Möglichkeit von Kenntnissen, Institutionen und Praktiken.
Solch ein Forschungsstil ist für mich deshalb interessant, weil dabei das Problem vermieden werden kann, ob die Theorie der Praxis vorausgegangen ist oder umgekehrt. Ich behandle Praktiken, Institutionen und Theorien auf derselben Ebene nach ihren jeweiligen Isomorphien und suche das gemeinsame Wissen, das sie möglich gemacht hat, die Schicht des konstitutiven historischen Wissens. Statt dieses Wissen aus der Sicht des ‚Praktisch-Passiven’ zu erklären, bemühe ich mich um eine Analyse des ‚Theoretisch-Aktiven’, wie ich es nennen würde.“
[Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge, Gespräch mit R. Bellour, Dits et Ecrits I]
27 August, 2009
Foucault: Der Körper als erstes Objekt des Kapitalismus
[Michel Foucault: Die Geburt der Sozialmedizin, Dits et Ecrits III]
10 Mai, 2009
Foucault: Nietzsche, die Genealogie, die Historie
Foucault: Nietzsche, die Genealogie, die Historie:
"Die Genealogie kann darum nicht umhin, sich zu bescheiden: sie hat die Einmaligkeit der Ereignisse unter Verzicht auf eine monotone Finalität ausfindig zu machen; sie muß den Ereignissen dort auflauern, wo man sie am wenigsten erwartet und wo sie keine Geschichte zu haben scheinen - in den Gefühlen, der Liebe, dem Gewissen, den Instinkten; sie muß ihre Wiederkunft erfassen, nicht um die langsame Kurve der Entwicklung nachzuzeichnen, sondern um die verschiedenen Szenen wiederzufinden, auf welchen die Ereignisse verschiedene Rollen gespielt haben; [...] Die Genealogie verlangt also die peinliche Genauigkeit des Wissens, eine Vielzahl angehäufter Materialien, Geduld. [...] Sie ist also eine mit erbitterter Konsequenz betriebene Gelehrsamkeit. Die Genealogie verhält sich zur Historie nicht wie die hohe (und tiefe) Sicht des Philosophen zum Maulwurfblick des Gelehrten; vielmehr steht sie im Gegensatz zur metahistorischen Entfaltung der idealen Bedeutungen und unbegrenzten Teleologien. Sie steht im Gegensatz zur Suche nach dem 'Ursprung'."
"Wenn aber der Genealoge auf die Geschichte horchen will, anstatt der Metaphysik Glauben zu schenken, was erfährt er dann? Daß es hinter allen Dingen 'etwas anderes' gibt: nicht ihr wesenhaftes und zeitloses Geheimnis, sondern das Geheimnis, daß sie ohne Wesen sind oder daß ihr Wesen Stück für Stück aus Figuren, die ihm fremd waren, aufgebaut worden sind."
"Die Analyse der Herkunft führt zur Auflösung des Ich und läßt an den Orten und Plätzen seiner leeren Synthese tausend verlorene Ereignisse wimmeln. Die Analyse der Herkunft führt uns auch zu den unzähligen Ereignissen zurück, durch die (dank denen und gegen die) sich ein Begriff oder ein Charakter gebildet haben. Die Genealogie geht nicht in die Vergangenheit zurück, um eine große Kontinuität jenseits der Zerstreuung des Vergessenen zu errichten. Sie soll nicht zeigen, daß die Vergangenheit noch da ist, daß sie in der Gegenwart noch lebt und sie insgeheim belebt, nachdem sie allen Zeitläufen eine von Anfang an feststehende Form aufgedrückt hat. Nichts gleicht hier der Entwicklung einer Spezies oder dem Geschick eines Volkes. Dem komplexen Faden der Herkunft nachgehen heißt vielmehr das festhalten, was sich in ihrer Zerstreuung ereignet hat: die Zwischenfälle, die winzigen Abweichungen oder auch die totalen Umschwünge, die Irrtümer, die Schätzungsfehler, die falschen Rechnungen, die das entstehen ließen, was existiert für uns Wert hat. Es gilt zu entdecken, daß an der Wurzel dessen, was wir erkennen und was wir sind, nicht die Wahrheit und das Sein steht, sondern die Äußerlichkeit des Zufälligen. Darum verdient jeder Ursprung der Moral, sofern er nicht mehr verehrungswürdig ist - und die Herkunft ist es niemals - Kritik."
"Die genealogisch aufgefaßte Historie will nicht die Wurzeln unserer Identität wiederfinden, vielmehr möchte sie sie in alle Winde zerstreuen; sie will nicht den heimatlichen Herd ausfindig machen, von dem wir kommen, jenes erste Vaterland, in das wir den Versprechungen der Metaphysiker zufolge zurückkehren werden; vielmehr möchte sie alle Diskontinuitäten sichtbar machen, die uns durchkreuzen."
[Michel Foucault: Nietzsche, die Genealogie, die Historie, Dits et Ecrits II]
Die Genealogie und die Suche nach dem Ursprung
28 April, 2009
Michel Foucault: Das Spiel ist deshalb lohnend, weil wir nicht wissen, was am Ende dabei herauskommen wird
nicht vergessen ...
"Ich halte es nicht für erforderlich, genau zu wissen, was ich bin. Das Wichtigste im Leben und in der Arbeit ist, etwas zu werden, das man am Anfang nicht war. Wenn Sie ein Buch beginnen und wissen schon am Anfang, was Sie am Ende sagen werden, hätten Sie dann noch den Mut, es zu schreiben? Was für das Schreiben gilt und für eine Liebesbeziehung, das gilt für das Leben überhaupt. Das Spiel ist deshalb lohnend, weil wir nicht wissen, was am Ende dabei herauskommen wird."
[Foucault, Dits et Ecrits IV]
22 April, 2009
Michel Foucault: Macht als Beziehungen der Gouvernementalität
Ich habe eines Tages die Formulierung 'Die Macht kommt von unten' gebraucht. Ich habe das sofort erklärt, aber selbstversändlich kommt dabei heraus: 'Die Macht ist eine hässliche Krankheit, man darf nicht glauben, dass sie einen am Kopf erwischt, sondern sie arbeitet sich in Wirklichkeit von den Fußsohlen her nach oben.' Das ist offensichtlich nicht das, was ich sagen wollte. Ich habe mich an anderer Stelle bereits dazu erklärt, aber ich komme auf die Erklärung zurück. Wenn man nämlich die Frage der Macht in einer Terminologie von Machtbeziehungen stellt, wenn man also einräumt, dass es zwischen den Individuen Beziehungen der 'Gouvernementalität', eine Menge, ein sehr komplexes Netz von Beziehungen gibt, dann sind die großen Formen der Macht im strengen Sinne des Ausdrucks - politische Macht, ideologische Macht usw. - notwendig in dieser Art Beziehungen, das heißt den Beziehungen des Regierens und des Führens, die sich zwischen den Menschen herstellen können. Und wenn es nicht eine gewisse Art Beziehung wie diese gibt, dann kann es auch nicht bestimmte weitere Arten großer politischer Strukturierungen geben."
[Michel Foucault: Der Intellektuelle und die Mächte]
Michel Foucault: Geschichte der Gouvernementalität
11 April, 2009
Michel Foucault: Die Wut über die Tatsachen
[Michel Foucault: Dispositive der Macht, S. 217]
27 Februar, 2009
Michel Foucault: nicht dermaßen regiert werden! Oder: Was ist Kritik?
„Als erste Definition der Kritik schlage ich also die allgemeine Charakterisierung vor: die Kunst nicht dermaßen regiert zu werden."
„Vor allem aber sieht man, daß der Entstehungsherd der Kritik im wesentlichen das Bündel der Beziehungen zwischen der Macht, der Wahrheit und dem Subjekt ist. Wenn es sich bei der Regierungsintensivierung darum handelt, in einer sozialen Praxis die Individuen zu unterwerfen – und zwar durch Machtmechanismen, die sich auf Wahrheit berufen, dann würde ich sagen, ist die Kritik die Bewegung, in welcher sich das Subjekt das Recht herausnimmt, die Wahrheit auf ihre Machteffekte hin zu befragten und die Macht auf ihre Wahrheitsdiskurse hin. Dann ist die Kritik die Kunst der freiwilligen Unknechtschaft, der reflektierten Unfügsamkeit. In dem Spiel, das man die Politik der Wahrheit nennen könnte, hätte die Kritik die Funktion der Entunterwerfung."
[Michel Foucault: Was ist Kritik?]
Michel Foucault: Geschichte der Gouvernementalität
Michel Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung
Michel Foucault: Die Geburt der Biopolitik
Zara kommentiert: Die Gouvernementalität
Zara kommentiert: Die Gouvernementalität als Werkzeug
25 Februar, 2009
Michel Foucault: Macht-Wissen
[Michel Foucault: Was ist Kritik?]
25 Januar, 2009
Die Genealogie und die Suche nach dem Ursprung
Mit diesen Worten beginnt Focault 1971 den Text, in dem er vielleicht am konzentriertesten über die Genealogie schreibt: Nietzsche, die Genealogie, die Historie. Und für alle, die immer noch fragen, warum sie immer nur ihren Ausgangspunkt finden, wenn sie nach dem Ursprung suchen:
„Weil es bei solch einer Suche in erster Linie darum geht, das Wesen der Sache zu erfassen, ihre reinste Möglichkeit, ihre in sich gekehrte Identität, ihre unveränderliche, allem Äußerlichen, Zufälligen, Späteren vorausgehende Form. Wer solch einen Ursprung sucht, der will finden, 'was bereits war', das 'Eigentliche' eines mit sich selbst übereinstimmenden Bildes; er hält alle Wechselfälle, Listen und Verkleidungen für bloße Zufälle und will alle Masken lüften, um die eigentliche Identität zu enthüllen. Aber was erfährt der Genealoge, wenn er aufmerksam auf die Geschichte hört statt der Metaphysik zu glauben? Dass es hinter den Dingen `etwas ganz anderes' gibt: nicht deren geheimes, zeitloses Wesen, sondern das Geheimnis, dass sie gar kein Wesen haben oder dass ihr Wesen Stück für Stück aus Figuren konstruiert wurde, die ihnen fremd waren. Wie die Vernunft entstanden ist? Natürlich auf ganz und gar 'vernünftige' Weise, nämlich durch einen Zufall. Die Hingabe an die Wahrheit und die Strenge der wissenschaftlichen Methoden? Aus den Leidenschaften der Wissenschaftler, aus ihrem wechselseitigem Hass, aus fanatischen, ständig wiederholten Debatten, aus dem Willen zum Sieg - Waffen, die im Verlauf langer persönlicher Kämpfe langsam geschmiedet wurden. Und die Freiheit? Ist sie das fundamentale Moment, das den Menschen an Sein und Wahrheit bindet? Nein, sie ist nur eine 'Erfindung von Ständen'. Am geschichtlichen Anfang der Dinge stößt man nicht auf die noch unversehrte Identität ihres Ursprungs, sondern auf Unstimmigkeit und Unterschiedlichkeit.“
[Michel Foucault: Nietzsche, die Genealogie, die Historie, Dits et Ecrits II]
Foucault: Nietzsche, die Genealogie, die Historie
26 Dezember, 2008
13 Dezember, 2008
Michel Foucault: Macht und Freiheit
Naja, das erst Lesen und die verzweifelte Erkenntnis liegen jetzt auch schon einige Jahre zurück. Die theoretische Ratlosigkeit und Handlungsunfähigkeit, war sicher nicht ganz unwichtig für das Hinterfragen der eigenen Handlungen.
„Man sollte außerdem beachten, dass es Machtbeziehungen nur in dem Maße geben kann, in dem die Subjekte frei sind. Wenn einer von beiden vollständig der Verfügung des anderen unterstünde und zu dessen Sache geworden wäre, ein Gegenstand, über den dieser schrankenlose und unbegrenzte Gewalt ausüben könnte, dann gäbe es keine Machtbeziehungen. Damit eine Machtbeziehung bestehen kann, bedarf es also auf beiden Seite einer bestimmten Form von Freiheit. Selbst wenn die Machtbeziehung völlig aus dem Gleichgewicht geraten ist, wenn man wirklich sagen kann, dass der eine alle Macht über den anderen besitzt, so lässt sich die Macht über den anderen nur in dem Maße ausüben, in dem diesem noch die Möglichkeit bleibt, sich zu töten, aus dem Fenster zu springen oder den anderen zu töten. Das heißt, dass es in Machtbeziehungen notwendigerweise Möglichkeiten des Widerstands gibt, denn wenn es keine Möglichkeit des Widerstands - gewaltsamer Widerstand, Flucht, List, Strategien, die die Situation umkehren - gäbe, dann gäbe es überhaupt keine Machtbeziehungen. Vor diesem allgemeinen Hintergrund weigere ich mich, die Frage zu beantworten, die man mir manchmal stellt: „Aber wenn die Macht überall ist, dann gibt es keinen Widerstand.“ Ich antworte: Wenn es Machtbeziehugen gibt, die das gesamte soziale Feld durchziehen, dann deshalb, weil es überall Freiheit gibt. Jetzt gibt es in der Tat Herrschaftszustände. In sehr vielen Fällen sind die Machtbeziehungen derart verfestigt, dass sie auf Dauer asymmetrisch sind und der Spielraum der Freiheit äußerst beschränkt ist. [...] In einer solchen Situation der Herrschaft muss man auf all diese Fragen je nach dem Typus und der genauen Form der Herrchaft jeweils auf spezifisch Weise antworten. Die Behauptung jedoch: „Sehen Sie, die Macht ist überall, folglich gibt es keinen Platz für die Freiheit“, scheint mir absolut unangemessen. Mann kann mir nicht die Vorstellung zuschreiben, dass Macht ein Herrschaftssysem darstellt, das alles kontrolliert und keinerlei Raum für Freiheit lässt.“
[Michel Foucault: Die Ethik der Sorge um sich als Praxis der Freiheit, Dits et Ecrits IV]
07 Dezember, 2008
Debatte Foucault vs Chomsky
Die Debatte zwischen Michel Foucault und Noam Chomsky aus dem Jahr 1971, die von Fons Elders moderiert und im niederländischen Fernsehen unter dem Titel „Über die Natur des Menschen: Gerechtigkeit versus Macht“ ausgestraht wurde, ist jetzt von orange press unter dem Titel „Macht und Gerechtigkeit. Ein Streitgespräch zwischen Michel Foucault und Noam Chomsky“ veröffentlicht worden.Die Behauptung „orange-press legt dieses eindrucksvolle Dokument neuerer Philosophiegeschichte nun zum ersten Mal auf

Deutsch vor“ stimmt allerdings nicht ganz (umso enttäuschender, wenn diese einfach abgeschrieben wird, wie von Adi Quarti in der ak). Da hat man sich wohl die Mühe gespart, die „Dits et Ecrits“ von Foucault durchzublättern, die auf deutsch im Suhrkamp Verlag erschienen sind. Im zweiten Band unter der Nummer 132 kann das Gespräch der beiden ebenfalls nachgelesen werden (und das schon seit 2002!). Naja. Einfacher als die „Dits et Ecrits“ zu stemmen (und auch billiger) ist die Ausgabe von orange press aber allemal und lesen - egal wo - lohnt sich. Versprochen.
Und wer das ganze nicht nur lesen, sondern auch mal sehen will, kann das hier.
22 November, 2008
Freiheit als Bedingung der Machtausübung
Wenn man Machtausübung als eine Weise der Einwirkung auf die Handlungen anderer definiert, wenn man sie durch das 'Regieren' - im weitesten Sinn dieses Wortes - der Menschen untereinander kennzeichnet, nimmt man ein wichtiges Element mit hinein: das der Freiheit. Macht wird nur auf 'freie Subjekte' ausgeübt und nur sofern diese 'frei' sind."
[Michel Foucault: Dits et Ecrits]
04 Oktober, 2008
Foucault über Bachelard
"An Bachelard verblüfft mich besonders, dass er gewissermaßen gegen seine eigene Kutlur mit seiner eigenen Kultur spielt. In der traditionellen Lehre - und nicht nur in der traditionellen Lehre, in der Kultur, die wir empfangen - gibt es eine gewisse Anzahl feststehender Werte, Dinge, die man sagen muss, und andere, die man nicth sagen darf, Werke, die zu schätzen, und dann wieder andere, die zu vernachlässigen sind, es gibt die Großen und die Kleinen und zuletzt die Hierarchie, diese ganze himmlische Welt mit ihren Thronen, Herrschaften, Engeln und Erzengeln! ... All das ist äußerst hierarchisch verfasst. Nun Bachelard macht sich von diesem ganzen Komplex von Werten frei, und er macht sich davon frein, indem er alles liest und alles gegen alles antreten lässt.
Er erinnert, wenn Sie so wollen, an jene geschickten Schachspieler, die es schaffen, mit den kleinen Bauern die großen Figuren zu schlagen. Bachelard scheut nicht davor zurück, einen Philosophen minderen Ranges oder einen Wissenschaftler ... jawohl, einen Wissenschaftler, einen etwas... etwas unvollkommenen oder versponnenen Wissenschaftler des 18. Jahrhunderts Descartes gegenüberzustellen. Er scheut nicht davor zurück, in ein und derselben Analyse die größten Dichter und dann wieder einen kleinen zweitrangigen Autor zu behandeln [...]"
[Michel Foucault: Dits et Ecrits II, 111]
Michel Foucault und Noam Chomsky
21 September, 2008
Michel Foucault: Das Spiel der Grenzen und der Überschreitung
Die Grenze und die Überschreitung verdanken einander die Dichte ihres Seins: Eine Grenze, die absolut nicht überquert werden könnte, wäre inexistent; umgekehrt wäre eine Überschreitung, die nur eine scheinbare oder schattenhafte Grenze durchbrechen würde, nichtig. Doch existiert die Grenze überhaupt ohne die Geste, die sie stolz durchquert und leugnet? Was wäre sie danach und was könnte sie davor sein? Und schöpft die Überschreitung nicht alles aus, was sie in dem Augenblick ist, an dem sie die Grenze überquert und nirgendwo sonst ist als in diesem Punkt der Zeit? Ist nun aber dieser Punkt, diese eigentümliche Überkreuzung von Wesen, die außerhalb von ihm nicht existieren, sondern in ihm vollständig austauschen, was sie sind, nicht genau all das, was überhall über ihn hinausgeht? Er verfährt als Verherrlichung dessen, was er ausschließt; die Grenze öffnet sich gewaltsam auf das Unbegrenzte hin, erfährt sich plötzlich von dem von ihr verworfenen Inhalt mitgerissen und von einer eigentümlichen Fülle vollendet, die bis in ihr Innerstes dringt. Die Überschreitung treibt die Grenze bis an die Grenze ihres Seins; sie bringt sie dazu, im Moment ihres drohenden Verschwindens aufzuwachen, um sich in dem wiederzufinden, was sie ausschließt (genauer vielleicht, sich darin zum ersten Mal zu erkennen), und um ihre tatsächliche Wahrheit in der Bewegung ihres Untergangs zu erfahren. Und dennoch, woraufhin entfesselt sich die Überschreitung in dieser Bewegung reiner Gewalt, wenn nicht auf dasjenige, was sie fesselt, auf die Grenze und auf das, was sich darin eingeschlossen findet? Wogegen richtet sich ihr Einbruch, und welcher Leere verdankt sie die freie Fülle ihres Seins, wenn nicht genau dem, was sie mit ihrer gewaltsamen Geste überquert und was sie in dem Strich, den sie austilgt, zu durchkreuzen wählt?
Die Überschreitung ist somit nicht für die Grenze, was das Schwarze für das Weiße, das Verbotene für das Erlaubte, das Äußere für das Innere, das Ausgeschlossene für den geschützten Raum der festen Bleibe ist. Sie ist ihr eher durch ein bohrendes Verhältnis verbunden, mit dem kein einfacher Einbruch zu Rande kommen kann. Vielleicht ist Überschreitung so etwas wieder Blitz in der Nacht, der vom Grunde der Zeit dem, was sie verneint, ein dichtes und schwarzes Sein verleiht, es von innen heraus und von unten bis oben erleuchtet und dem er dennoch seine Einzigartigkeit verdankt. Er verliert sich in dem Raum den sie in ihrer Souveränität bezeichnet, und verfällt schließlich in Schweigen, nachdem er dem Dunkel einen Namen gab.
Um diese so reine und so verwickelte Existenz zu denken, sie von sich aus und in dem von ihr hervorgehobenen Raum zu denken, muss man sie aus ihren zweifelhaften Verwandtschaften mit der Ethik herauslösen und sie vom Skandalösen oder Subversiven befreien, das heißt von dem, was von der Macht des Negativen beseelt ist. Die Überschreitung ist eine Gegenüberstellung von nichts mit nichts, sie lässt nichts lächerlich werden, versucht nicht, die Tragfähigkeit der Fundamente zu erschüttern; sie unternimmt nichts, um der anderen Seite des Spiegels jenseits der unsichtbaren und unüberwindlichen Linie zu neuem Glanz zu verhelfen. Eben weil sie weder Gewalt in einer geteilten Welt ist (in einer ethischen Welt) noch Triumph über die Grenzen, die sie auslöscht (in einer dialektischen oder revolutionären Welt), macht sie sich im Inneren der Grenze das maßlos Maß der Distanz zu Eigen, die sich dort eröffnet und den leuchtenden Strich zieht, der sie sein lässt. Nichts ist in der Überschreitung negativ. Sie bejaht das begrenzte Sein, sie bejaht dieses Unbegrenzte, in das sie hineinspringt und erstmals für die Existenz öffnet. Dennoch kann man sagen, dass diese Bejahung nichts Positives hat: Kein Inhalt kann sie binden, da per definitionem keine Grenze sie zurückhalten kann. Vielleicht ist sie nichts anderes als die Bejahung der Teilung. Allerdings sollte man dieses Wort von allem entlasten, was an die Geste des Bruchs oder and die Herbeiführung einer Trennung oder an das Maß einer Abweichung erinnern kann und ihr allein das lassen, was in ihr das Sein der Differenz bezeichnen kann.“
[Foucault, Michel: Dits et Ecrits I]
13 September, 2008
Michel Foucault: sich selbst verwandeln
"Ich kümmere mich in keiner Weise um den universitären Status dessen, was ich tue, weil mein Problem meine eigene Verwandlung ist. Das ist auch der Grund, warum ich, wenn die Leute zu mir sagen: 'Vor einigen Jahren dachten Sie jenes, und jetzt behaupten Sie etwas anderes', antworte: 'Glauben Sie, dass ich während all dieser Jahre so viel gearbeitet habe, um dasselbe zu sagen und nicht verwandelt zu werden?' Diese Selbstverwandlung durch das eigene Wissen ist, glaube ich, etwas, das der ästhetischen Erfahrung recht nahe ist. Warum würde ein Maler arbeiten, wenn er nicht durch seine Malerei verwandelt wird?"
[Michel Foucault: Dits et Ecrits IV]
Michel Foucault: an die eigene Identität gefesselt
Allgemein kann man sagen, daß es drei Typen von Kämpfen gibt: die gegen Formen der (ethische, sozialen und religiösen) Herrschaft; die gegen Formen der Ausbeutung, die das Individuum von dem trennen, was es produziert; die gegen all das, was das Individuum an sich selber fesselt und dadurch anderen unterwirft (Kämpfe gegen Subjektivierung, gegen Formen von Subjektivitänt und Unterwerfung)."
[Michel Foucault: Warum ich die Macht untersuche: Die Frage des Subjekts]
27 August, 2008
Michel Foucault über das Schreiben von Molotowcocktails
Michel Foucaults Antwort auf die Frage von Jean-Louis Ezine ob er sich nicht gefalle in einem gewissen Negativismus:
"Ja, ich finde großen Gefallen daran. Die Bourgeoisie ist ja keineswegs so dumm und verschlafen, wie Baudelaire gedacht hat. Die Bourgeoisie ist intelligent, scharfsichtig und berechnend. Keine Herrschaftsform war jemals so fruchtbar und damit so gefährlich, so tief eingewurzelt wie die ihrige. Wenn man ihr laute Anklagen entgegenschleudert, wird sie nicht umfallen; sie wird nicht verlöschen wie eine Kerze, die man ausbläst. Das rechtfertigt eine gewisse Traurigkeit. Umso mehr gilt es, in den Kampf soviel Fröhlichkeit, Helligkeit und Ausdauer wie nur möglich hineinzutragen. wirklich traurig wäre, sich nicht zu schlagen ..
Im Grunde will ich gar nicht schreiben. Schreiben ist eine sehr schwer zu überstehende und übersteigerte Tätigkeit. Das Schreiben interessiert mich nur, sofern es sich als Instrument, Taktik, Erhellung in einem wirklichen Kampf einfügt. Ich möchte, daß meine Bücher so etwas wie Operationsmesser, Molotowcocktails oder unterirdische Stollen sind und daß sie nach dem Gebrauch verkohlen wie Feuerwerke…"
[Michel Foucault: Die fröhliche Wissenschaft des Judo; auch Dits et Ecrits]
21 August, 2008
foucault verkündet den tod des subjekts
[Michel Foucault: Dits et Ecrits I]
"Es ist nicht die Befreiung von einer alten Unruhe, der Übergang einer Jahrtausende alten Sorge zu einem lichtvollen Bewußtsein, das Erreichen der Objektivität durch das, was lange Zeit in Glaubensvorstellungen und in Philosophien gefangen war: es war die Wirkung einer Veränderung in den fundamentalen Dispositionen des Wissens. Der Mensch ist eine Erfindung, deren junges Datum die Archäologie unseres Denkens ganz offen zeigt. Vielleicht auch das baldige Ende.
Wenn diese Dispositionen verschwänden, so wie sie erschienen sind, wenn durch irgendein Ereignis, dessen Möglichkeit wir höchstens vorausahnen können, aber desen Form oder Verheißung wir im Augenblick nicht kennen, diese Dispositionen ins Wanken gerieten, wie an der Grenze des achzehnten Jahrhunderts die Grundlage des klassischen Denkens es tat, dann kann man sehr wohl wetten, daß der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand."
[Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge]