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20 November, 2008

Ja sagen zur Begierde als Regierungstechnik

„Die Begierde – ein alter Begriff, der seinen Auftritt und seine Anwendung in der Gewissensführung hatte [...], die Begierde hat jetzt einen zweiten Auftritt im Inneren der Macht und Regierungstechniken. Alle Individuen handeln auf Grund der Begierde. Einer Begierde, gegen die man nichts tun kann. [...] Versucht nicht, sie zu ändern, das läßt sich nicht ändern. Doch – und an diesem Punkt prägt diese Naturalität der Begierde der Bevölkerung und wird für die gouvernementale Technik durchdringbar – diese Begierde ist, aus Gründen, auf die zurückzukommen wäre und die eines der wichtigen theoretischen Elemente es gesamten Systems bilden, diese Begierde ist derart, daß sie, wenn man ihr die Möglichkeit der Entfaltung läßt, in gewissen Grenzen und dank einer gewissen Anzahl von Bezugsrahmen und Verbindungen insgesamt, den allgemeinen Nutzen für die Bevölkerung hervorbringt. [...] Die Hervorbringung des Kollektivinteresses durch das Spiel der Begierde. Dies prägt zugleich die Naturalität der Bevölkerung und die mögliche Artifizialität der Mittel, die einem gegeben sind, um sie zu verwalten.“

Die Idee Bevölkerungen ausgehend von der Naturalität der Begierde zu verwalten ist
„[...] der alten ethisch juridischen Konzeption der Regierung und der Ausübung der Souveränität vollkommen entgegengesetzt. [...] Der Souverän ist derjenige, der fähig ist, nein zur Begierde eines jeden Individuums zu sagen, wobei das Problem darin liegt, zu wissen, wie dieses der Begierde der Individuen entgegengesetzte ‚Nein' legitim und auf den Willen dieser Individuen selbst gegründet werden kann. [...] Das Problem derjenigen, die regieren, darf es absolut nicht sein, zu erfahren, wie sie nein sagen können, bis wohin sie nein sagen können, mit welcher Berechtigung sie nein sagen können. Das Problem ist, zu wissen, wie ja sagen zu dieser Begierde. Also nicht die Eingrenzung der Konkupiszenz oder die Eingrenzung der Eigenliebe im Sinne von Liebe seiner selbst, sondern im Gegenteil all das, was diese Eigenliebe, diese Begierde derart anregt und begünstigt, daß sie tatsächlich die wohltuenden Wirkungen hervorbringen kann, die sie notwendigerweise hervorbringen muß.“

„Es gibt also keine Menge von juridischen Subjekten, sei es individuell oder kollektiv, mit einem souveränen Willen. Die Bevölkerung ist eine Gesamtheit von Elementen, in deren Innerem man Konstanten und Regelmäßigkeiten bis in die Ereignisse hinein feststellen kann, in deren Innerem man das Universelle der Begierde orten kann, die regelmäßig den Nutzen aller hervorbringt und für die man eine gewisse Anzahl von Variablen ausweisen kann, von denen sie abhängt und die geeignet sind, sie zu modifizieren.“
[Michel Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Geschichte der Gouvernementalität 1]

18 September, 2008

Michel Foucault: angenommen der Wahnsinn existiert nicht


Nichtexistenz als Methode?

Michel Foucault in der Vorlesung vom 10. Januar 1979:
"Die Methode bestand darin, zu sagen: Angenommen, der Wahnsinn existiert nicht. Was ist dann die Geschichte, die man anhand dieser verschiedenen Ereignisse, dieser verschiedenen Praktiken schreiben kann, die sich anscheinend um diese unterstellte Sache, den Wahnsinn, gruppieren? Ich möchte hier also genau das Gegenteil des Historizismus tun. Also nicht die Universalien befragen, indem ich als kritische Methode die Geschichte verwende, sondern von der Entscheidung der Nichtexistenz der Universalien ausgehen, um die Frage zu stellen, was für eine Geschichte man schreiben könnte."
[Michel Foucault: die Geburt der Biopolitik]

Der foucaultsche Werkzeugkasten

14 August, 2008

Die Gouvernementalität

Foucault verwendet den Begriff Gouvernementalität erstmals gegen Ende der Vorlesung vom 1. Februar 1978.[1] Die Erklärung, was er mit diesem, wie er später selbst sagt, „häßlichen Wort“[2] bezeichnet, gliedert er in drei sich aufeinander beziehende Teile:

„Unter Gouvernementalität verstehe ich die Gesamtheit, gebildet aus den Institutionen, den Verfahren, Analysen und Reflexionen, den Berechnungen und den Taktiken, die es gestatten, diese recht spezifische und doch komplexe Form der Macht auszuüben, die als Hauptzielscheibe die Bevölkerung, als Hauptwissensform die politische Ökonomie und als wesentliches Instrument die Sicherheitsdispositive hat. Zweitens verstehe ich unter 'Gouvernementalität' die Tendenz oder die Kraftlinie, die im gesamten Abendland unablässig und seit sehr langer Zeit zur Vorrangstellung dieses Machttypus, den man als 'Regierung' bezeichnen kann, gegenüber allen anderen – Souveränität, Disziplin – geführt und die Entwicklung einer ganzen Reihe spezifischer Regierungsapparate einerseits und einer ganzen Reihe von Wissensformen andererseits zur Folge gehabt hat. Schließlich glaube ich, dass man unter Gouvernementalität den Vorgang oder eher das Ergebnis des Vorgangs verstehen sollte, durch den der Gerechtigkeitsstaat des Mittelalters, der im 15. und 16. Jahrhundert zum Verwaltungsstaat geworden ist, sich Schritt für Schritt 'gouvernementalisiert' hat.“[3]

Ein spezifisches Machtsystem ebenso wie die historische Entwicklung, in deren Verlauf der zu diesem Machtsystem gehörige Machttypus – die Regierung – zur dominierenden Form der Machtausübung geworden ist, das ist es, was Foucault an dieser Stelle der Vorlesungsreihe von 1978 unter Gouvernementalität versteht. Das Machtsystem, von dem Foucault spricht, besteht aus komplexen Regierungstaktiken und -institutionen, welche die Bevölkerung als Ziel, die politische Ökonomie als Wissensform und die Sicherheitsdispositive als Instrument haben. Es konnte sich im 18. Jahrhundert installieren und damit die Regierung gegenüber der Souveränität und der Disziplin als dominanten Machttypus durchsetzen. weiterlesen
[zara pfeiffer]



[1] Vgl. Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, S. 162. Der Begriff „Gouvernementalität“ ist allerdings keine Neuschöpfung Foucaults. Roland Barthes verwendet den Begriff Gouvernementalität bereits 1964 in seinem Buch Mythen des Alltags. Vgl. Barthes, Roland: Mythen des Alltags. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2003.
[2] Vgl. Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 2006, S. 173.
[3] Foucault: Die ‚Gouvernementalität’, Dits et Ecrits III, Nr. 239, S. 820f; vgl. auch: Foucault, Michel: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 2006, S. 162. Aus Gründen der besseren Verständlichkeit wurde an dieser Stelle auf die Übersetzung in den Dits et Ecrits zurückgegriffen.

die sicherheitsdispositive

Insgesamt unterscheidet Foucault drei verschiedene Machttechnologien: die juridischen oder rechtlichen Mechanismen, die Disziplinarmechanismen und die Sicherheitsmechanismen. Diese ordnet er drei entsprechenden Staatsformen und deren Organisationsprinzipien zu: erstens, die juridischen Mechanismen dem mittelalterlichen Gerechtigkeitsstaat, der nach dem Prinzip der Souveränität organisiert ist; zweitens, die Disziplinarmechanismen dem Verwaltungsstaat des 16. und 17. Jahrhunderts, der nach dem Prinzip der Staatsräson und der Polizei organisiert ist und drittens, die Sicherheitsmechanismen dem Regierungsstaat, der sich ab dem 18. Jahrhundert entwickelt und der nach dem Prinzip der Gouvernementalität organisiert ist.
Die unterschiedliche Funktionsweise dieser Machtmechanismen verdeutlicht Foucault an Hand der verschiedenen Reaktionen auf und Behandlungen von Krankheiten im Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert. Während die Leprakranken im Mittelalter mit Hilfe von Gesetzen und Verordnungen ausgeschlossen wurden, wurden im 16. und 17. Jahrhundert von der Pest betroffene Regionen mittels Kontrolle und Überwachung diszipliniert, um eine Ausdehnung auf andere Gebiete zu unterbinden. Die Sicherheitsmechanismen operieren dagegen vor allem mittels Wahrscheinlichkeiten auf der Grundlage von Statistiken. Bei der Behandlung der Pocken im 18. Jahrhundert ging es in erster Linie darum, statistisches Wissen über die Bevölkerung zu sammeln und mit Hilfe der Impfpraktiken die Epidemie einzudämmen.[1] Die rechtlichen Mechanismen oder die Souveränität funktionieren folglich über Gesetze und Verbote, die Disziplin über Kontrolle und Überwachung und die Sicherheitsdispositive über die Regulierung von Wahrscheinlichkeiten:

„Anders gesagt, das Gesetz verbietet, die Disziplin schreibt vor, und die Sicherheit hat - ohne zu untersagen und ohne vorzuschreiben, wobei sie sich eventuell einiger Instrumente in Richtung Verbot und Vorschrift bedient - die wesentliche Funktion, auf eine Realität zu antworten, so daß diese Antwort jene Realität aufhebt, auf die sie antwortet - sie aufhebt oder einschränkt oder bremst oder regelt.“[2]

Obwohl Foucault den einzelnen Machtmechanismen ihre jeweiligen Gegenstände – den juridischen Mechanismen das Territorium, den disziplinarischen Mechanismen die individuellen Körper und den Sicherheitsmechanismen die Gesamtheit der Bevölkerung – zuordnet und sie in eine zeitliche Abfolge zueinander bringt, betont er gleichzeitig, dass eine strikte Trennung und zeitliche Zuordnung dieser Mechanismen zu schematisch und folglich auch zu ungenau ist. Stattdessen handelt es sich bei den verschiedenen Machtmechanismen um „eine Serie komplexer Gefüge“[3], bei der sich mit der Zeit vor allem „[...] die Dominante oder genauer das Korrelationssystem zwischen den juridisch-rechtlichen Mechanismen, den Disziplinarmechanismen und den Sicherheitsmechanismen“[4] verändert. Die juridischen und disziplinarischen Mechanismen werden von den Sicherheitsmechanismen folglich nicht verdrängt. Im Gegenteil, im Zuge der Sicherheitsdispositive kommt es zu einer regelrechten Zunahme rechtlicher Regulierungen und disziplinarischer Maßnahmen.
Auf Grundlage der Unterscheidung der verschiedenen Machttypen wendet Foucault sich der Frage zu, ob es „[…] tatsächlich eine Gesamtökonomie der Macht gibt, welche die Form der Sicherheitstechnologie hat […]“[5] und inwiefern diese Gesamtökonomie der Macht „[…] in unseren Gesellschaften dabei ist, zur Sicherheitsordnung zu werden?“[6] Dieses Vorhaben verfolgt er an Hand der Sicherheitsräume, der Behandlung des Ereignisses und der spezifischen Normalisierungsformen der Sicherheit.
Bei den Sicherheitsräumen zeigt er die unterschiedlichen Vorgehensweisen und Strategien der Machtmechanismen bei der Gestaltung des städtischen Raumes an Hand des Werkes La métropolitée von Alexandre Le Maître sowie der Städte Richelieu und Nantes. Während sich die Souveränität vor allem mit dem Verhältnis zwischen Regierungssitz und Territorium befasst und die Disziplin einen leeren Raum funktionell und hierarchisch neu gestaltet, geht es der Sicherheit darum, mit Hilfe von Wahrscheinlichkeiten die Bevölkerung in einem gegebenen Raum zu regulieren und ein Milieu zu gestalten.[7]
Bei der Behandlung des Ereignisses stellt er dar, wie Mitte des 18. Jahrhunderts das juridische und disziplinarische System, das den Nahrungsmangel mit Hilfe von Verboten und Überwachung verhindern soll, vom Prinzip des freien Kornumlaufs abgelöst wird, bei dem die Schwankungen zwischen Überfluss und Knappheit nicht mehr verhindert, sondern als gegebene Wirklichkeit in die Planung mit einbezogen werden sollen.
Die Normalisierungsformen der Sicherheit schließlich unterscheiden sich deutlich von denen der Souveränität und der Disziplin. Während es die Funktion des Gesetzes ist, eine Norm zu kodifizieren, setzt die Disziplin eine Norm, an der sie die Individuen ausrichtet. Das Normale der Disziplin ist das, was sich an dieser Norm ausrichten lässt, das Anormale das, bei dem diese Ausrichtung an der Norm nicht funktioniert. Die Sicherheit dagegen nimmt keine Norm, sondern das Normale im Sinne eines Mittelwerts zum Ausgangspunkt. Nicht die Norm bestimmt das Normale, sondern das Normale die Norm.
Zielobjekt und -subjekt der Regulierungsmaßnahmen der Sicherheitsdispositive ist die Bevölkerung, die sich im Zuge dieser Maßnahmen als eigenständige Realität konstituiert.

„Die Bevölkerung als politisches Subjekt, als neues, dem juridischen und politischen Denken der vorangegangenen Jahrhunderte absolut fremdes, kollektives Subjekt [...] ist hier im Begriff, in ihrer Komplexität, mit ihren Zäsuren zutage zu treten. Sie sehen bereits, daß sie ebenso als Objekt zutage tritt, das heißt als das, auf das, gegen das man die Mechanismen lenkt, um eine bestimmte Wirkung auf sie zu erzielen (wie als) Subjekt, da sie es ja ist, von der man verlangt, sich in dieser oder jener Art zu verhalten.“[8]

Die Sicherheitsmechanismen verstehen die Bevölkerung nicht mehr im juridisch-politischen Sinne, sondern als technisch-politisches Objekt. Die Bevölkerung ist nicht mehr eine Menge von Untertanen oder Rechtssubjekten, sondern eine Gesamtheit von Elementen, die analysiert, verwaltet und reguliert werden müssen.[9]
Gleichzeitig werden die Sicherheitsmechanismen nicht mehr von einem Souverän gesteuert, sondern von einer Regierung, was eine neue Form der Regierungskunst erforderlich werden lässt. Am Beispiel von Machiavellis Werk Der Fürst[10] und der Anti-Machiavelli-Literatur stellt Foucault die „Kunst, Fürst zu sein“, der „Kunst des Regierens“ gegenüber.[11] Während bei Machiavelli das Verhältnis des Fürsten zu seinem Fürstentum durch „Singularität, Äußerlichkeit und Transzendenz“[12] bestimmt ist, ist die Kunst des Regierens durch die „[...] Pluralität der Regierungsformen und Immanenz der Regierung im Verhältnis zum Staat [...]“[13] gekennzeichnet. Im 16. Jahrhundert entwickelt die Regierungskunst eine aufsteigende Kontinuität der verschiedenen Regierungsformen: nur wer sich selbst zu führen weiß, wer die Familie und die wirtschaftlichen Angelegenheiten des Haushalts im Sinne des oikos zu führen weiß, kann überhaupt in der Lage sein, den Staat zu regieren.[14] Die Regierungskunst besteht darin, die Macht im Sinne der Ökonomie auszuüben:

„Einen Staat zu regieren wird also heißen, die Ökonomie anzuwenden, eine Ökonomie auf der Ebene des Staates als Ganzem, das heißt, man wird, was die Einwohner, die Reichtümer, das Verhalten aller und jedes einzelnen betrifft, eine Form von berwachung und Kontrolle ausüben, die nicht weniger aufmerksam ist als die des Familienvaters über die Hausgemeinschaft und ihre Güter.“[15]

Der zentrale Unterschied zwischen der Souveränität und der Regierung liegt jedoch in ihrer unterschiedlichen Zielsetzung. Der Souverän herrscht in erster Linie über ein Territorium und nur vermittelt über die auf diesem Territorium lebenden Untertanen, mit dem selbstbezogenen Ziel, die Souveränität zu erhalten. Die Regierung dagegen bezieht sich nicht in erster Linie auf ein Territorium, sondern auf die Menschen und Dinge, die sie regiert.
Bis zum 18. Jahrhundert kann sich diese Regierungskunst jedoch nicht durchsetzen, da sie von der einseitigen Orientierung auf die Souveränität blockiert ist. Erst durch die demographische Expansion und die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion im 18. Jahrhundert werden die Voraussetzungen geschaffen, diese Blockade aufzuheben. Mit Hilfe der Statistik werden demographische Informationen wie beispielsweise Geburt- und Sterberaten, Epidemieverläufe und ökonomisch relevante Verhaltensregelmäßigkeiten gesammelt, die sich nicht mehr auf das Modell der Familie beziehen, sondern die Bevölkerung als eigene Wirklichkeit mit entsprechenden Phänomenen in den Blick nehmen. Mit dem Auftauchen der Bevölkerung als Bezugspunkt der Regierungstätigkeit wird die Familie vom Modell zum Instrument der Machtausübung über die Bevölkerung[16], die Ökonomie wird zur politischen Ökonomie:

„[...] der Übergang von einem Regime, das durch die Strukturen der Souveränität beherrscht ist, zu einem Regime, das durch die Techniken des Regierens beherrscht ist, tritt im 18. Jahrhundert im Kontext der Bevölkerung ein und folglich im Kontext der Geburt der politischen Ökonomie.“[17]

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[zara pfeiffer]

[1] Vgl. Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 2006, S. 24f.
[2]
Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 2006, S. 76.
[3]
Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 2006, S. 22.
[4]
Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 2006, S. 23.
[5]
Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 2006, S. 26.
[6]
Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 2006, S. 26.
[7]
Vgl. Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 2006, S. 29ff.
[8]
Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 2006, S. 70.
[9]
Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 2006, S. 108ff.
[10]
Machiavelli, Niccolò: Der Fürst, Stuttgart: Kröner, 1955.
[11]
Vgl. Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 2006, S. 140.
[12]
Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 2006, S. 139.
[13]
Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 2006, S. 142.
[14]
Vgl. Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 2006, S. 143.
[15]
Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 2006, S. 144.
[16]
Vgl. Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 2006, S. 156ff.
[17] Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevökerung, 2006, S. 159.

die gouvernementalität als werkzeug

Die Sicherheitsdispositive, welche im Laufe des 18. Jahrhunderts für die Regierung als Instrument der Machtausübung relevant werden, sind die spezifische Form der Machtausübung der Gouvernementalität. Foucault liefert jedoch keine eindeutige und klar umrissene Definition der Gouvernementalität, stattdessen verwendet er den Begriff Gouvernementalität in verschiedenen Bedeutungszusammenhängen und mehreren Variationen. Er bezeichnet damit die spezifischen Merkmale der Regierungstätigkeit ebenso wie ein spezifisches Machtsystem und eine historische Entwicklung.[1] Er verwendet die Gouvernementalität als Synonym für Regierungstätigkeit, Regierungsrationalität und auch einfach nur für Regierung[2]. Die Gouvernementalität richtet sich auf Individuen ebenso wie auf Gruppen oder ganze Bevölkerungen.[3] Beziehungen der Gouvernementalität sind Beziehungen des Regierens oder Lenkens von Menschen.[4]
Im Verlauf der Vorlesungen kristallisiert sich aus diesen vielfältigen Verwendungsarten des Gouvernementalitätsbegriffs eine tendentielle Entwicklung heraus, die von der spezifisch-historischen Verwendung des Begriffs in eine allgemeinere und abstraktere Richtung weist.[5] Während der Vorlesungen von 1979 bezeichnet Foucault mit dem Begriff Gouvernementalität nicht mehr ein spezifisches Machtsystem, sondern viel allgemeiner „[...] die Art und Weise, mit der man das Verhalten der Menschen steuert [...]“[6].
Betrachtet man die Herkunft und die Bezüge des Wortes Gouvernementalität im Kontext von Foucaults Gedankengängen genauer, dann bleiben zwei schlüssige Verwendungsweisen übrig. Zum einen eine spezifische, welche dazu dient, ein bestimmtes Machtsystem einzugrenzen, und zum anderen eine allgemeine, welche die Art und Weise beschreibt, nach der regiert wird.
Das deutsche Wort Gouvernementalität ist die Übersetzung des französischen Wortes gouvernementalité, das sich von dem Adjektiv gouvernemental ableitet, was mit die Regierung betreffend übersetzt werden kann.[7] Auch wenn Foucault es so deutlich nicht formuliert, ist davon auszugehen, dass er das Wort gouvernementalité dem Wort souveraineté, auf deutsch Souveränität, gegenüberstellt.[8] So wie die Souveränität als das Prinzip des Königs oder des Souveräns zu verstehen ist, ist die Gouvernementalität als das Prinzip der Regierung zu verstehen. Anders formuliert: die Souveränität bezeichnet die Art und Weise, wie der Souverän herrscht. Entsprechend bezeichnet die Gouvernementalität die Art und Weise, wie regiert wird.
Je nachdem, worauf der Begriff Gouvernementalität bezogen wird, verändert sich seine Bedeutung. Verwendet man Regierung in Abgrenzung zu Souveränität oder zu Disziplin als spezifisches Machtsystem, dann ist der Begriff Gouvernementalität spezifisch, als zur Regierung gehörendes Prinzip der Machtausübung zu verstehen. Unterscheidet man aber die unterschiedlichen Formen und Prinzipien zu regieren, dann ist das Wort Gouvernementalität allgemein, als Art und Weise, nach der regiert wird, zu verstehen.
Die Gouvernementalität ist für Foucault ein Mittel „[...] das Problem des Staates und der Bevölkerung anzugehen.“[9] Der Grund, warum Foucault hierfür einen, wie er zugibt, so „problematischen und künstlichen Begriff“[10] wie die Gouvernementalität verwendet und nicht den Staat oder die Bevölkerung selbst zum Ausgangspunkt der Analyse macht, ist seine genealogische Vorgehensweise. Der Staat ist für Foucault keine Universalie, der Staat ist nichts anderes „[...] als der bewegliche Effekt eines Systems von mehreren Gouvernementalitäten.“[11] Die Gouvernementalität ist ein Werkzeug, den Staat zu analysieren. Sie ist ein Instrument, die Genealogie des Staates mit Hilfe der Geschichte der Gouvernementalität zu schreiben. Gleichzeitig bietet sie Foucault die Möglichkeit, seine Machtanalyse auszuweiten und die Gesellschaft und den Staat in diese Analyse mit einzubeziehen, die sich bisher auf die Institutionen Psychiatrie, Gefängnis und Klinik beschränkt hatte.

„Ist es möglich, den modernen Staat in eine Gesamttechnologie der Macht wiedereinzusetzen, die seine Mutationen, seine Entwicklung, sein Funktionieren sicherten? Kann man von etwas wie einer 'Gouvernementalität' sprechen, die für den Staat das wäre, was die Absonderungstechniken für die Psychiatrie waren, was die Disziplinartechniken für das Strafsystem waren, was die Biopolitik für die medizinischen Institutionen war?“[12]

[zara pfeiffer]


[1] Vgl. Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 2006, S. 162f.
[2] Vgl. Foucault, Michel: Subjekt und Macht, Dits et Ecrits IV, Nr. 306, S. 291.
[3] Vgl. Foucault: Die Geburt der Biopolitik, 2006, S. 261.
[4] Vgl. Foucault, Michel: Der Intellektuelle und die Mächte, Dits et Ecrits IV, Nr. 359, S. 930.
[5] Vgl. Sennelart: Situierung der Vorlesungen, 2006, S. 482.
[6] Foucault: Die Geburt der Biopolitik, 2006, S. 261.
[7] Die im deutschsprachigem Raum hin und wieder auftauchende Übersetzung mit Regierungsmentalität, mag zwar inhaltlich naheliegend sein, beruht jedoch auf der fälschlichen Annahme, dass es sich bei dem Wort gouvernementalité um die semantische Verbindung der beiden Worte gouvernement (Regierung) und mentalité (Denkweise) handelt. Vgl. Sennelart: Situierung der Vorlesungen, 2006, Fußnote 125, S. 482.
[8] Vgl. Lemke: Gouvernementalität und Biopolitik, 2007, Fußnote 5, S. 13.
[9] Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevökerung, 2006, S. 174.
[10] Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 2006, S. 174.
[11] Foucault: Die Geburt der Biopolitik, 2006, S. 115.
[12] Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevökerung, 2006, S. 180.

13 August, 2008

Geschichte der Gouvernementalität

Die beiden Vorlesungsreihen zur Geschichte der Gouvernementalität, Sicherheit, Territorium, Bevölkerung und Die Geburt der Biopolitik, die Foucault in den Jahren 1978 und 1979 am Collège de France gehalten hat, bilden zusammen ein Dyptichon, dessen verbindendes Thema die Gouvernementalität und dessen Horizont die Biomacht ist, auch wenn diese im Verlauf der beiden Vorlesungsreihen von der Regierung in den Schatten gestellt wird.[1] In beiden Vorlesungsreihen verläßt Foucault zugunsten der Geschichte und Analyse der Gouvernementalität seinen ursprünglich geplanten Kurs. Sein Vorhaben von 1978, eine Geschichte der Sicherheitstechnologien vorzulegen[2] und von 1979, die Formationsbedingungen der Biopolitik[3] nachzuzeichnen, treten 1978 hinter das Projekt einer Geschichte der Gouvernementalität und 1979 hinter der Analyse der liberalen und neoliberalen Formen der Gouvernementalität zurück.
In den beiden Vorlesungsreihen zur Geschichte der Gouvernementalität entwickelt Foucault zum einen mit der Gouvernementalität ein Instrument, mit dem er seine bisherige Machtanalyse auf die Ebene der Gesellschaft und des Staates ausdehnen kann. Zum anderen ermöglicht ihm der Umweg über die Gouvernementalität, die Entwicklung des modernen Staates nachzuzeichnen, ohne diesen damit zu ontologisieren. Mit Hilfe der Gouvernementalität kann er eine „Genealogie des modernen Staates und seiner verschiedenen Apparate“[4] vorlegen.
[zara pfeiffer]

Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Geschichte der Gouvernementaliät Teil 1
Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementaliät Teil 2


[1] Vgl. Sennelart, Michel: Situierung der Vorlesungen, in: Michel Foucault, Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalität II. Vorlesung am Collège de France. 1978-1979, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2006, S. 445ff.
[2]
Vgl. Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 2006, S. 26.
[3]
Vgl. Foucault: Die Geburt der Biopolitik, 2006, S. 41ff.
[4] Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 2006, S. 508.

Michel Foucault: Die Geburt der Biopolitik

Mit der Vorlesungsreihe Die Geburt der Biopolitik von 1979 knüpft Foucault genau dort an, wo er 1978 geendet hatte. Es handelt sich, wie er gleich zu Beginn der ersten Vorlesung bemerkt, um die direkte Fortsetzung der Vorlesungsreihe vom Vorjahr.[1] Zunächst erläutert er kurz die von ihm gewählte Methode zur Analyse des Staates: die Genealogie. Im Verlauf der Vorlesungreihe wird er wiederholt auf die an dieser Stelle angerissenen Methodenfragen zurückkommen.[2]
Anschließend geht er, die Vorlesungsreihe vom Vorjahr resümierend, kurz auf die Staatsräson ein, deren Regierungsweise nach außen ein durch das europäische Gleichgewicht begrenztes und nach innen ein durch das Prinzip des Polizeistaates unbegrenztes Ziel verfolgt. Das Recht als äußeres Begrenzungsprinzip der Staatsräson, welches ein Ausufern der königlichen Macht verhindern soll, wird als dominierendes Prinzip im 18. Jahrhundert von der politischen Ökonomie abgelöst. Diese wirkt im Inneren der neuen Regierungsrationalität als permanente Selbstbegrenzung des Regierungshandelns. Foucault identifiziert diese neue Regierungsrationalität als Liberalismus, in dem er die allgemeine Rahmenbedingung sieht, die zum Verständnis der Biopolitik notwendig ist:[3]


„Mir scheint jedoch, daß die Analyse der Biopolitik nur dann durchgeführt werden kann, wenn man die allgemeine Funktionsweise dieser gouvernementalen Vernunft verstanden hat [...]. Wenn man also verstanden hat, was dieses Regierungssystem ist, das Liberalismus genannt wird, dann, so scheint mir, wird man auch begreifen können, was die Biopolitik ist.“[4]
Das Vorhaben, das Foucault an dieser Stelle der Vorlesungsreihe ankündigt, besteht darin, zunächst den Liberalismus des 18. und des 20. Jahrhunderts zu untersuchen, um anschließend auf die Biopolitik zu sprechen zu kommen. [5] Da jedoch die Analyse des Liberalismus und des Neoliberalismus ausführlicher ausfällt als ursprünglich geplant, bleibt Foucault am Ende der Vorlesungsreihe keine Zeit mehr, die Biopolitik zu untersuchen. In der Zusammenfassung der Vorlesungsreihe schreibt er hierzu: „Die Vorlesung war dieses Jahr ausschließlich dem gewidmet, was nur eine Einleitung bilden konnte.“ [6]
In der zweiten und dritten Vorlesung befasst sich Foucault mit den spezifischen Merkmalen der liberalen Regierungskunst, die sich im 18. Jahrhundert entwickelt. Im Mittelpunkt seiner Ausführungen steht der Markt, der nun nicht mehr ein Ort der Gerechtigkeit ist, sondern sich als ein Ort der Veridiktion[7] konstituiert, an dem sich die richtigen von den falschen Regierungshandlungen unterscheiden lassen. Die Begrenzung des Regierungshandelns erfolgt über zwei verschiedene, sich aber nicht notwendigerweise ausschließende Auffassungen von Freiheit: die des französischen Radikalismus, der sich auf die Menschenrechte beruft und die des englischen Utilitarismus, der jegliche Intervention der Regierung nach ihrer Nützlichkeit befragt.[8] Als dritten Aspekt der liberalen Regierungskunst behandelt Foucault die Erschließung des Weltmarktes, welche das für den Merkantilismus typische Nullsummenspiel zwischen den Staaten Europas beendet.[9]
Gegen Ende der dritten Vorlesung stellt Foucault fest, dass es sich bei der gouvernementalen Vernunft des 18. Jahrhunderts eher um eine Form des Naturalismus als des Liberalismus handelt, da die komplexe Natur der Wirtschaftsmechanismen, die es zu erkennen gilt, zum bestimmenden Prinzip der Regierungspraxis wird.[10] Den Begriff Liberalismus rechtfertigt er jedoch dadurch, dass sich im Zentrum der liberalen Regierungsweise die Freiheit befindet: diese ist sowohl notwendige Voraussetzung als auch zentrales Instrument des liberalen Regierungshandelns, welches sich nicht darauf beschränkt, sie zu akzeptieren oder zu sichern, sondern sie fortwährend herstellen muss.[11]
Ab der vierten Vorlesung wendet sich Foucault schließlich den beiden großen Formen des Neoliberalismus des 20. Jahrhunderts zu: dem deutschen Nachkriegsliberalismus der Jahre 1948 – 1962 und dem US-amerikanischen Liberalismus der Chicagoer Schule. Von der vierten bis einschließlich achten Vorlesung widmet sich Foucault der deutschen Form des Neoliberalismus, dem so genannten Ordoliberalismus, der mit der Idee der sozialen Marktwirtschaft die Wirtschaftspolitik der Bundesrepublik Deutschland zur Zeit Konrad Adenauers und Ludwig Erhards entscheidend geprägt hat. In der zweiten Hälfte der achten Vorlesung befasst sich Foucault kurz mit der französischen Form des Neoliberalismus und der Sozialpolitik von Giscard d’Estaing, um sich ab der neunten Vorlesung dem US-amerikanischen Neoliberalismus der Chigagoer Schule zuzuwenden. Während die deutsche Form des Neoliberalismus die Logik des reinen Wettbewerbs auf den Markt beschränkt und diesen mit einem Bündel gesellschaftspolitischer Interventionen flankiert, versucht der US-amerikanische Neoliberalismus mittels der Theorie des Humankapitals die Rationalität des Marktes auch auf Bereiche auszudehnen, die bis dahin noch nicht nach dem Prinzip der Marktlogik organisiert waren, wie zum Beispiel das Bildungswesen.[12]
In den beiden letzten Vorlesungen befasst sich Foucault schließlich mit dem Modell des Homo oeconomicus und der bürgerlichen Gesellschaft, die beide im 18. Jahrhundert als Elemente der Regierungstechnik des Liberalismus in Erscheinung treten.

[zara pfeiffer]

Sicherheit, Territorium, Bevölkerung
Die Geschichte der GouvernementalitätMichel Foucault über Biomacht und Rassismus: Vorlesung vom 17. März 1976


[1] Vgl. Foucualt: Die Geburt der Biopolitik, 2006, S. 13.[2] Vgl. Foucault: Die Geburt der Biopolitik, 2006, S. 14ff, S. 58ff, S. 114ff, S. 187, S. 261ff.[3] Vgl. Foucault: Die Geburt der Biopolitik, 2006, S. 40ff.[4] Foucault: Die Geburt der Biopolitik, 2006, S. 43.[5] Den Liberalismus des 19. Jahrhunderts klammert Foucault in den Vorlesungen von 1978 und 1979 weitgehend aus. Nach der Analyse des Frühliberalismus des 18. Jahrhunderts geht er direkt zur Analyse des Neoliberalismus des 20. Jahrhunderts über. „Ich werde also einen Sprung von zwei Jahrhunderten machen, denn ich maße mir natürlich nicht an, Ihnen eine umfassende, allgemeine und zusammenhängende Geschichte des Liberalismus vom 18. bis ins 20. Jahrhundert zu liefern.“ Foucault: Die Geburt der Biopolitik, 2006, S. 116; vgl. auch Lemke: Eine Kritik der politischen Vernunft, 1997, Fußnote 55, S. 195.[6] Foucault: Die Geburt der Biopolitik, Dits et Ecrits III, Nr. 274, S. 1020. Und zu Beginn der 8. Vorlesung von 1979 sagt er zu der ausführlichen Behandlung des Liberalismus folgendes: „Ich kann Ihnen trotz allem versichern, daß ich zu Beginn die Absicht hatte, über die Biopolitik zu sprechen, und dann geschah es, wie die Dinge eben liegen, daß ich lange und vielleicht zu lange über den Neoliberalismus [...] gesprochen habe.“ Foucault: Die Geburt der Biopolitik, 2006, S. 260.[7] Mit dem Begriff Veridiktion bezeichnet Foucault die Macht des Wahrsprechens innerhalb eines Denksystems. Vgl. Ruoff: Foucault-Lexikon, 2007, S. 233f. „Das System der Veridiktion ist allerdings nicht ein bestimmtes Gesetz der Wahrheit, sondern die Gesamtheit der Regeln, die in Bezug auf einen gegebenen Diskurs die Bestimmung dessen gestatten, welches die Aussagen sind, die darin als wahr oder falsch charakterisiert werden können.“ Foucault: Die Geburt der Biopolitik, 2006, S. 60.[8] Vgl. Foucault: Die Geburt der Biopolitik, 2006, S. 65ff.[9] Vgl. Foucault: Die Geburt der Biopolitik, 2006, S. 87.[10] Vgl. Foucault: Die Geburt der Biopolitik, 2006, S. 94.[11] Vgl. Foucault: Die Geburt der Biopolitik, 2006, S. 95ff.[12] Vgl. Sennelart: Situierung der Vorlesungen, 2006, S. 478.

michel foucault: sicherheit, territorium, bevölkerung

Foucault beginnt die Vorlesungsreihe Sicherheit, Territorium, Bevölkerung von 1978 mit dem Plan, der Frage nachzugehen, inwiefern sich die Gesamtökonomie der Macht in Richtung einer Sicherheitsordnung entwickelt hat. Gleichzeitig möchte er die Mechanismen aufzeigen, durch die die Bevölkerung im 18. Jahrhundert in eine allgemeine Strategie der Macht eingetreten ist.[1] Es geht ihm um „[...] die Korrelation zwischen der Sicherheitstechnik und der Bevölkerung, zugleich als Objekt und Subjekt dieser Sicherheitsmechanismen, das heißt, die Emergenz nicht nur dieses Begriffs, sondern dieser Realität der Bevölkerung.“ [2]
Die ersten drei Vorlesungen von 1978 widmet er der Untersuchung der Sicherheitsdispositive, die er als Machtform gegenüber den juridischen und den disziplinarischen Formen der Machtausübung abgrenzt, und deren Entstehung den Auftritt der Bevölkerung als Zielscheibe der Machtausübung markiert. An diese Analyse der Sicherheitsdispositive in ihrem Verhältnis zur Bevölkerung anschließend, wendet sich Foucault zu Beginn der vierten Vorlesung am 1. Februar 1978 dem Begriff der Regierung zu, um gegen Ende dieser Vorlesung seinen bisher eingeschlagenen Kurs zu korrigieren und eine Umbenennung der Vorlesung in Geschichte der Gouvernementalität vorzuschlagen:

„Wenn ich der Vorlesung, die ich dieses Jahr in Angriff genommen habe, einen genaueren Titel hätte geben wollen, so hätte ich im Grunde genommen bestimmt nicht ‚Sicherheit, Territorium, Bevölkerung’ gewählt. Was ich jetzt tun würde, wenn ich es wirklich tun wollte, das wäre etwas, das ich eine Geschichte der ‚Gouvernementalität’ nennen würde.“[3]
An dieser Stelle führt Foucault erstmals den Begriff Gouvernementalität ein, mit dem er eine Machtform bezeichnet, die mit komplexen Regierungstaktiken operiert und die Bevölkerung mit Hilfe der Sicherheitsdispositive und der politischen Ökonomie regiert.[4] Die folgenden Sitzungen der Vorlesungsreihe von 1978 verwendet Foucault darauf, die Gouvernementalisierung des Staates, d. h. die historische Entwicklung, welche die Gouvernementalität zur dominierenden Form der Machtausübung hat werden lassen, nachzuzeichnen. Die drei zentralen Stützpunkte, von denen diese Gouvernementalisierung des Staates ausgeht, sind das christliche Pastorat sowie die beiden großen Ensembles politischer Technologien der Staatsräson: die diplomatisch-militärische Technik und die Polizei.[5]
Der Analyse des christlichen Pastorats als Vorspiel der Gouvernementalität widmet Foucault in einem weiten historischen Bogen die Vorlesungen fünf bis acht. Die Pastoralmacht, die Foucault auch als „Kunst, die Menschen zu regieren“[6] bezeichnet, sieht er als Vorspiel der Gouvernementalität, „[…] deren Eintritt in die Politik [...] die Schwelle des modernen Staates markiert.“[7] In der neunten Vorlesung befasst sich Foucault mit dem Übergang von der „Pastoral der Seelen zur politischen Regierung der Menschen[...]“[8]. Daran anschließend behandelt er vom Ende der neunten bis zur zwölften Vorlesung die Staatsräson, mit der sich der Staat nun auf sich selbst und nicht mehr auf religiöse oder natürliche Begründungen stützt. Die elfte Vorlesung widmet Foucault der diplomatisch-militärischen Technik, welche das Kräftegleichgewicht zwischen den Staaten sicherstellen soll, und die zwölfte Vorlesung der Polizei, welche sowohl für die Aufrechterhaltung der inneren Ordnung des Staates als auch für die Maximierung der Kräfte im Inneren des Staates zuständig ist. In der dreizehnten und damit letzten Vorlesung der Vorlesungsreihe von 1978 befasst sich Foucault schließlich mit der im 18. Jahrhundert aufkommenden Kritik der Physiokraten an der reglementierenden Regierungstechnik der Polizei, in deren Folge sich der Polizeistaat zu einem Regierungsstaat entwickelt, der die Bevölkerung mit Hilfe der Statistik und der Wahrscheinlichkeit regiert.
Mit diesem Auftritt der Bevölkerung, die durch die Sicherheitsdispositive regiert wird, schließt Foucault den Kreis zum Beginn der Vorlesungsreihe und beendet diese mit der Bemerkung, dass der Staat keine Ontologie sei, sondern eine Handlungs- und Denkweise, deren Geschichte eine Genealogie des Staates in Form der Geschichte der Gouvernementalität ermöglicht.[9]
[zara pfeiffer]

Die Geburt der Biopolitik

Die Geschichte der Gouvernementalität


[1] Vgl. Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 2006, S. 26.[2] Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 2006, S. 27.[3] Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 2006, S. 162.[4] Vgl. Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 2006, S. 162.[5] Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 2006, S. 165f[6] Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 2006, S. 242.[7] Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 2006, S. 242.[8] Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 2006, S. 333.[9] Vgl. Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 2006, S. 505 und S. 513.