22 Oktober, 2009

Foucault: die polymorphen Techniken der Macht und der Wille zum Wissen

"Daher wird es darauf ankommen zu wissen, in welchen Formen, durch welche Kanäle und entlang welcher Diskurse die Macht es schafft, bis in die winzigsten und individuellsten Verhaltensweisen vorzudringen, welche Wege es ihr erlauben, die seltenen und unscheinbaren Formen der Lust zu erreichen und auf welche Weise sie die alltägliche Lust durchdringt und kontrolliert - und das alles mit Wirkungen, die als Verweigerung, Absperrung und Disqualifizierung auftreten können, aber auch als Anreizung und Intensivierung; kurz, man muß die 'polymorphen Techniken der Macht' erforchen. Und schließlich wird es nicht darauf ankommen zu bestimmen, ob die diskursiven Produktionen und die Machtwirkungen tatsächlich die Wahrheit des Sexes an den Tag bringen ode raber Lügen, die sie verdunkeln, sondern darauf, den 'Willen zum Wissen' freizulegen, der ihnen gleichzeitig als Grundlage und Insturment dient."
[Michel Foucault: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I]

02 September, 2009

Michel Foucault erklärt seine Archäologie

„Mit ‚Archäologie’ meine ich kein Fachgebiet, sondern ein Forschungsfeld, das etwa folgendermaßen aussieht:
Kenntnisse, philosophische Ideen und Alltagsansichten einer Gesellschaft, aber auch ihre Institutionen, die Geschäfts- und Polizeipraktiken oder die Sitten und Gebräuche verweisen auf ein implizites Wissen, das dieser Gesellschaft eigen ist. Dieses Wissen unterscheidet sich tiefgreifend von dem Wissen, das man in wissenschaftlichen Büchern, philosophischen Theorien und religiösen Rechtfertigungen finden kann, aber erst dieses Wissen macht es möglich, dass zu einer bestimmten Zeit eine Theorie, eine Meinung oder eine Praxis aufkommt. So musste erst ein bestimmtes Wissen über Wahnsinn und Nichtwahnsinn, über Ordnung und Unordnung vorhanden sein, damit Ende des 18. Jahrhunderts überall in Europa die großen Einschließungszentren entstehen konnten, und genau dieses Wissen wollte ich untersuchen, als Bedingung der Möglichkeit von Kenntnissen, Institutionen und Praktiken.
Solch ein Forschungsstil ist für mich deshalb interessant, weil dabei das Problem vermieden werden kann, ob die Theorie der Praxis vorausgegangen ist oder umgekehrt. Ich behandle Praktiken, Institutionen und Theorien auf derselben Ebene nach ihren jeweiligen Isomorphien und suche das gemeinsame Wissen, das sie möglich gemacht hat, die Schicht des konstitutiven historischen Wissens. Statt dieses Wissen aus der Sicht des ‚Praktisch-Passiven’ zu erklären, bemühe ich mich um eine Analyse des ‚Theoretisch-Aktiven’, wie ich es nennen würde.“
[Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge, Gespräch mit R. Bellour, Dits et Ecrits I]

27 August, 2009

Foucault: Der Körper als erstes Objekt des Kapitalismus

"Ich vertrete die Hypothese, dass man mit dem Kapitalismus nicht von einer kollektiven zu einer privaten Medizin übergegangen ist, sondern dass genau das Gegenteil geschehen ist; der Kapitalismus, der sich Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunders entwickelt, hat zunächst einmal ein erstes Objekt vergesellschaftet, den Körper, in seiner Funktion als Produktiv- oder Arbeitskraft. Die Kontrolle der Gesellschaft über die Individuen wird nicht nur über das Bewusstsein oder durch die Ideologie, sondern eenso im Körper und mit dem Körper vollzogen. Für die kapitalistische Gesellschaft war vor allem die Bio-Politik wichtig, das Biologische, das Somatische und das Körperliche. Der Körper ist eine bio-politische Wirklichkeit; die Medizin ist eine bio-politische Strategie."
[Michel Foucault: Die Geburt der Sozialmedizin, Dits et Ecrits III]

25 Juni, 2009

Zum 25. Todestag von Michel Foucault

Monsieur Foucault, an dieser Stelle nur einen kurzen Gruß anläßlich Ihres 25. Todestages. Statt Sie mit einem schwülstig ausufernden Nachruf zu beglücken, stürze ich mich in Theorie. Hochachtungsvoll ... Zara

07 Juni, 2009

Foucault-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung

rezensiert von Zara Pfeiffer


Clemens Kammler/Rolf Parr/
Ulrich Johannes Schneider (Hrsg.)


Foucault-Handbuch
Leben - Werk - Wirkung
Unter Mitarbeit von Elke Reinhardt-Becker
J. B. Metzler Verlag
Stuttgart 2008
454 S., Gebunden
Preis: EUR 49,95
ISBN: 978-3-476-02192-2



Welches Verhältnis hatten Foucault und Lacan? Wie beziehen sich Agamben und Negri auf Foucault? Was sagt Foucault zum Geschlecht? Und wie wird Foucault in der Soziologie oder Psychoanalyse rezipiert? Für genau solche Fragen ist das von Clemens Kammler, Rolf Parr und Ulrich Johannes Schneider im J.B. Metzler Verlag herausgegebene Foucault-Handbuch hervorragend geeignet. Die einzelnen Aufsätze haben eine Länge, die es erlaubt den jeweiligen Punkt auf hohem Niveau abzuhandeln, und sind gleichzeitig kurz genug, um beim Auftauchen einer solchen Frage, sofort komplett gelesen zu werden.

Die Struktur des Foucault-Handbuchs überzeugt und hält, was der Untertitel mit den Schlagworten Leben – Werk – Wirkung verspricht. Der erste Punkt Leben ist auf 8 Seiten angenehm kurz gehalten und verweist am Ende auf ausführlichere Biographien Foucaults.
Das Werk Foucaults wird in den Kapiteln II bis IV abgehandelt. Das zweite Kapitel Werke und Werkgruppen gibt eine systematische Übersicht über die einzelnen Hauptwerke, die Dits et Écrits und die Vorlesungen Foucaults. Das dritte Kapitel Kontexte befasst sich mit den maßgeblichen Referenzautoren Foucaults wie Kant, Hegel, Marx, Nietzsche und Heidegger. Die zeitgenössischen Bezüge in Frankreich wie die Phänomenologie und der Existentialismus, das Denken Louis Althussers, Jacques Lacans, Gilles Deleuzes und Jacques Derridas bekommen ebenso ihren Platz wie wichtige Anschlüsse an Foucault wie Judith Butler, Giogio Agamben, Antonio Negri sowie die Interdiskurstheorie und –analyse. Außerdem werden die Überschneidungen und Differenzen zwischen den Denken Foucaults und der Kritischen Theorie, von Pierre Bourdieu und Niklas Luhmann behandelt. Im dritten Kapitel werden schließlich eine Auswahl der zentralen Begriffe und Konzepte Foucaults behandelt. Hier finden sich Aufsätze über die Archäologie, das Archiv und die Biomacht/Biopolitik über den Diskurs, die Genealogie und die Gouvernementalität bis hin zum Körper, dem Panoptimus und der Selbstsorge/Selbsttechnologie, um eine kleine Auswahl zu nennen.
Unter dem Stichwort Rezeption wird im fünften Kapitel die Wirkung des Foucaultschen Denkens in den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen beleuchtet. Neben den klassischen Disziplinen wie zum Beispiel Philosophie, Geschichtswissenschaften, Literaturwissenschaft, Politikwissenschaft und Soziologie enthält dieses Kapitel auch Aufsätze zur Rezeption Foucaults in der Sportwissenschaft, den Gender Studies und dem Feminismus, den Disability Studies und den Governmentality Studies.
Der Anhang umfasst eine Zeittafel, eine ausführliche Bibliographie der Primärtexte von Foucault und einer – leider etwas kurz geratenen – Auswahlbibliographie von Sekundärtexten, die Autor_innen des Bandes sowie ein Personenregister des Foucault-Handbuches.

In der Vielzahl von Einführungen und einführenden Sammelbänden zu Michel Foucault sticht das Foucault-Handbuch sehr positiv hervor. Es eignet sich, um den Einstieg in das Denken Foucaults zu erleichtern, als parallele Lektüre zu den Primärtexten Foucaults, sowie als Nachschlagewerk und Ausgangspunkt, um tiefer in das Denken Foucaults einzusteigen. Sämtliche Artikel schließen mit einer kurzen Bibliographie der wichtigsten Forschungsbeiträge zum jeweiligen Thema. Eine Zusammenstellung der wichtigsten Textstellen zum jeweiligen Thema wäre an dieser Stelle sicher auch hilfreich gewesen. Ebenso fehlt dem angehängten Personenregister am Ende eine entsprechendes Sachregister.

Alles in allem finde ich dieses Foucault Handbuch richtig gut. Es steht jetzt schon einige Wochen bei mir im Regal und ich habe wiederholt einzelne Punkte nachgelesen und bin dabei nicht selten hängengeblieben und habe einfach weitergelesen. Den doch stolzen Preis von 49,95 Euro ist es in jedem Fall wert.

10 Mai, 2009

Foucault: Nietzsche, die Genealogie, die Historie

Für alle, die beim Begriff Genealogie immer noch nur an Stammbäume denken:
Foucault: Nietzsche, die Genealogie, die Historie:

"Die Genealogie kann darum nicht umhin, sich zu bescheiden: sie hat die Einmaligkeit der Ereignisse unter Verzicht auf eine monotone Finalität ausfindig zu machen; sie muß den Ereignissen dort auflauern, wo man sie am wenigsten erwartet und wo sie keine Geschichte zu haben scheinen - in den Gefühlen, der Liebe, dem Gewissen, den Instinkten; sie muß ihre Wiederkunft erfassen, nicht um die langsame Kurve der Entwicklung nachzuzeichnen, sondern um die verschiedenen Szenen wiederzufinden, auf welchen die Ereignisse verschiedene Rollen gespielt haben; [...] Die Genealogie verlangt also die peinliche Genauigkeit des Wissens, eine Vielzahl angehäufter Materialien, Geduld. [...] Sie ist also eine mit erbitterter Konsequenz betriebene Gelehrsamkeit. Die Genealogie verhält sich zur Historie nicht wie die hohe (und tiefe) Sicht des Philosophen zum Maulwurfblick des Gelehrten; vielmehr steht sie im Gegensatz zur metahistorischen Entfaltung der idealen Bedeutungen und unbegrenzten Teleologien. Sie steht im Gegensatz zur Suche nach dem 'Ursprung'."

"Wenn aber der Genealoge auf die Geschichte horchen will, anstatt der Metaphysik Glauben zu schenken, was erfährt er dann? Daß es hinter allen Dingen 'etwas anderes' gibt: nicht ihr wesenhaftes und zeitloses Geheimnis, sondern das Geheimnis, daß sie ohne Wesen sind oder daß ihr Wesen Stück für Stück aus Figuren, die ihm fremd waren, aufgebaut worden sind."

"Die Analyse der Herkunft führt zur Auflösung des Ich und läßt an den Orten und Plätzen seiner leeren Synthese tausend verlorene Ereignisse wimmeln. Die Analyse der Herkunft führt uns auch zu den unzähligen Ereignissen zurück, durch die (dank denen und gegen die) sich ein Begriff oder ein Charakter gebildet haben. Die Genealogie geht nicht in die Vergangenheit zurück, um eine große Kontinuität jenseits der Zerstreuung des Vergessenen zu errichten. Sie soll nicht zeigen, daß die Vergangenheit noch da ist, daß sie in der Gegenwart noch lebt und sie insgeheim belebt, nachdem sie allen Zeitläufen eine von Anfang an feststehende Form aufgedrückt hat. Nichts gleicht hier der Entwicklung einer Spezies oder dem Geschick eines Volkes. Dem komplexen Faden der Herkunft nachgehen heißt vielmehr das festhalten, was sich in ihrer Zerstreuung ereignet hat: die Zwischenfälle, die winzigen Abweichungen oder auch die totalen Umschwünge, die Irrtümer, die Schätzungsfehler, die falschen Rechnungen, die das entstehen ließen, was existiert für uns Wert hat. Es gilt zu entdecken, daß an der Wurzel dessen, was wir erkennen und was wir sind, nicht die Wahrheit und das Sein steht, sondern die Äußerlichkeit des Zufälligen. Darum verdient jeder Ursprung der Moral, sofern er nicht mehr verehrungswürdig ist - und die Herkunft ist es niemals - Kritik."

"Die genealogisch aufgefaßte Historie will nicht die Wurzeln unserer Identität wiederfinden, vielmehr möchte sie sie in alle Winde zerstreuen; sie will nicht den heimatlichen Herd ausfindig machen, von dem wir kommen, jenes erste Vaterland, in das wir den Versprechungen der Metaphysiker zufolge zurückkehren werden; vielmehr möchte sie alle Diskontinuitäten sichtbar machen, die uns durchkreuzen."
[Michel Foucault: Nietzsche, die Genealogie, die Historie, Dits et Ecrits II]

Die Genealogie und die Suche nach dem Ursprung

29 April, 2009

Foucault über Biomacht und Rassismus

Die Vorlesung vom 17. März 1976 auf einen Blick
(für alle die zu faul sind sie zu lesen):


Wordle: Michel Foucault: Vorlesung vom 17. März 1976


Noch ein Foucault-Wordle: Die Praxis der Freiheit